„Und jetzt dreimal Schnarchen!"

„ U N D   J E T Z T   D R E I M A L   S C H N A R C H E N ! " 

Im Christian Guilleminault Schlaflabor werden Menschen behandelt, die an Schlafstörungen leiden – schnarchen, tagsüber müde sind oder gar nicht erst einschlafen können. Claudia Grundmann arbeitet hier als Krankenschwester und ist zum Glück "ein leidenschaftlicher Nachtmensch".
Vergabelung eines Patienten im Schlaflabor. Das Mikrophon auf seinem Kehlkopf nimmt seine Schnarchgeräusche auf

Alles schläft, eine wacht, im Christian Guilleminault Schlaflabor in Dortmund-Hörde. Die Frau, die wacht, heißt Claudia Grundmann, 46 Jahre, Krankenschwester. Aufmerksam beobachtet sie sechs Bildschirme, auf denen Messkurven ihre langsamen Bahnen ziehen. „Unser privates Raumschiff Enterprise“ nennt sie das technische Herzstück des Labors. In dieser Nacht hat sie das Kommando. Gegen 18, 19 Uhr sind ihre heutigen Gäste in der Privatklinik eingetroffen. Sechs Menschen, die an Schlafstörungen leiden – schnarchen, tagsüber müde sind oder gar nicht erst einschlafen können. So genannte „Verkabler“ haben sie in Empfang genommen, ihre Daten notiert, ihren Blutdruck gemessen, ihre Reaktionsgeschwindigkeit getestet. Und ihnen dann die Messelektroden angelegt.
Eine Flasche Bier ist erlaubt
Horst Ostermann verbringt heute seine zweite Nacht im Schlaflabor. Der kaufmännische Leiter aus Fröndenberg leidet an Schlafapnoe – an nächtlichen Atem-Aussätzern. „Deshalb bin ich hier zur Beobachtung“, sagt er, während Verkablerin Claudia Bellmann ihm zwei Elektroden in die Haare klebt und festföhnt. Weitere Kontakte werden auf seiner Stirn und seinem Kinn, hinter seinen Ohren und an seinen Beinen befestigt. Ein Mikro auf seinem Kehlkopf soll Schnarchgeräusche aufnehmen, ein Sensor am Mittelfinger seinen Puls. Nach einer Viertelstunde ist Ostermann komplett verkabelt. Claudia Bellmann serviert ihm noch eine Flasche Bier. „Wenn das zu Hause zum Ritual gehört, sollen das die Patienten auch hier so machen“, erklärt sie. „Alkohol fördert schließlich Schnarchen.“ Inzwischen ist Claudia Grundmann eingetroffen und hat sich in allen Zimmern als Nachtdienst vorgestellt. Der Patient in Nummer Vier wird heute mit einer so genannten CPAP-Maske schlafen, die seine Atemwege freihalten soll. Geduldig erklärt ihm Grundmann die Maske und stellt den Startdruck ein: sechs Millibar. „Ich spreche mit den Patienten lieber vorher alles in Ruhe ab, sonst klingelt es nachts alle paar Minuten“, sagt sie auf dem Rückweg in den Computerraum. Bevor sich ein Patient ins Land der Träume verabschiedet, führt Grundmann von hier aus eine „Bioeichung“ durch. „Knirschen Sie mal bitte mit den Zähnen“, sagt Grundmann ins Telefon und beobachtet die Kurven auf dem Computerbildschirm. „Und jetzt bitte dreimal laut Schnarchen.“ Wenn alle Signale korrekt im Rechner ankommen, wünscht sie eine gute Nacht.
Manche Patienten haben sonderbare Wünsche
Schlagworte
Christian Guilleminault Schlaflabor Claudia Grundmann Schlafstörungen Müdigkeit Bis 23 Uhr sind alle versorgt, auch die Kollegen haben sich verabschiedet. Claudia Grundmann ist allein, behält die Computer im Auge, erledigt Papierkram und nimmt diagnostische Messungen vor. Zwischendurch kabelt sie Patienten ab, die mal müssen, hört EinsLive oder erinnert sich an kuriose Patienten, wie jenen 50-jährigen Mann, der sie mal gebeten hat, ihm seine Träume auf Video aufzunehmen. Oder jenen Dortmunder Majestro, der nachts im Bett saß und träumend imaginäre Sinfonien dirigierte. Und sie genießt die nächtliche Ruhe. „Ich bin ganz gern mal mein eigener Chef“, sagt sie. Und als „leidenschaftlicher Nachtmensch“ mache es ihr überhaupt nichts aus, zu arbeiten, wenn andere schlafen. Ab sechs Uhr werden die Patienten von den Verkablern der Frühschicht geweckt, Claudia Grundmann geht nach Hause, verabschiedet ihre Tochter in die Schule und geht dann selbst ins Bett. Und zwar ohne Elektroden.

Quelle: Welt Online Fr. 28.Sept.


Druckbare Version

Haftungsausschluss    Anbieterkennzeichnung    Selbsthilfegruppen Schlafstörungen